Mit der Redewendung "Zu neuen Ufern aufbrechen" verbindet man "etwas Unbekanntes entdecken", "Neues wagen" und "neue Ziele anstreben". Als Neuling im Amt motivierten mich genau diese Aspekte, zusammen mit Daniel Mattmüller (zuständiger Fachbereichsleiter für Bangladesch) trotz Pandemie zu einer Dienstreise in das südasiatische Land aufzubrechen. Natürlich hielten wir uns an die vorgeschriebenen Sicherheits- und Hygienebestimmungen.
Nachdem wir gerade noch rechtzeitig die Visa und die negativen Corona-Testergebnisse erhielten, machten wir uns am 29. Dezember auf den Weg. Einige Fakten der zehntägigen Reise:
· Mehr als 16.000 zurückgelegte und bewahrte Kilometer
· Missionarstage und Mitarbeitergespräche im Kinderdorf Khulna
· Projektbesuch und Gespräche mit Verantwortlichen in Dinajpur
· Gespräche mit der Leitung unserer Partnerkirche in Dhaka
· Besuch am College für christliche Theologie in Savar
An dieser Stelle Einblicke in das, was mich besonders bewegt hat.
BeWEGt vom Verkehr und den Gebetsrufen
Nach rund 24 anstrengenden Flug- und Transitstunden mit Maskenschutz werden wir in Jashore in Empfang genommen. Mit dem Bus geht es Richtung Khulna. Die Überholmanöver des Busfahrers sind riskant und abenteuerlich. Es wird fröhlich ausgeschert, kräftig gehupt und sowohl von links als auch von rechts überholt. Bereits jetzt wird mir das Gebet um Bewahrung für unsere Missionare besonders wichtig.
Erschöpft erreichen wir das Kinderdorf. Nach an einer kurzen Begegnung mit den Missionaren freue ich mich auf eine Dusche und das Bett. Der Kopf brummt. Mit dem Einschlafen will es nicht klappen. Nach einigen Stunden werde ich vom muslimischen Muezzin-Gebetsruf aus dem Halbschlaf gerissen. Ich weiß, dass Muslime fünfmal am Tag beten - aber dass es bereits um 5:30 Uhr losgeht, habe ich nicht mehr auf dem Schirm.
Aus allen Richtungen dröhnt es in der drittgrößten Stadt Bangladeschs: "Allah ist der Allergrößte. Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt." Von Anfang an verspüre ich etwas von der geistlichen Macht, die hinter dieser Gebetsproklamation steckt. Wie herausfordernd muss es für die 0,5 Prozent Christen sein, wenn sie sich öffentlich zum Glauben an Jesus bekennen und zu ihm als dem einzigen Weg zu Gott einladen?
BeWEGt von Teambelangen und Strategiefragen
Angesichts der Personalsituation und Zukunftsausrichtung der Arbeit fragen wir uns: Was ist in den nächsten fünf Jahren von Gott her dran? Wie gehen wir damit um, dass sich in den letzten Jahren leider wenige nach Bangladesch haben senden lassen? In welche Aufgabenfelder könnten wir neue Kandidaten entsenden? Was sagt unser Partner? Es ist offensichtlich, dass wir einen "Aufbruch" brauchen.
Als Gesamtteam setzen wir uns damit auseinander, was es heißt, zu neuen Ufern aufzubrechen (vgl. Markus 4,23). Wir hören auf Gott und beten. Wir tauschen uns darüber aus, worüber wir im Blick auf die Arbeit dankbar sind. Zahlreiche Notizzettel werden an die Tafel geheftet, und ich freue mich über das, was Gott bereits geschenkt hat. Darüber hinaus ringen wir damit, den künftigen Fokus zu klären sowie Ziele festzulegen.
In Einzelgesprächen mit den Missionarinnen und Missionaren hören wir hin, fragen nach, versuchen zu verstehen und zu vermitteln, machen Mut und beten miteinander. Ich freue mich an ihrer Liebe zu den Menschen. Auch wenn der Strategieprozess noch nicht abgeschlossen ist und nicht jede Frage geklärt werden kann, bin ich froh, dass wir ein gutes Stück vorwärtsgekommen sind.
BeWEGt von Projekten und Partnern
Als Liebenzeller Mission unterstützen wir zahlreiche Projekte unserer Partnerkirche und ihres Sozialzweigs. Dazu zählen das Kinderdorf in Khulna sowie das Mädchen- und Jungen-Internat in Dinajpur. Viele schutzbedürftige und arme Kinder werden hier ganzheitlich begleitet, geistlich geprägt und bekommen eine gute Schulausbildung. Daher ist es uns eine große Hilfe, die jeweiligen Verantwortlichen persönlich kennenzulernen und uns die Projekte vorstellen zu lassen. Besonders beeindruckt mich David, der Leiter des Jungen-Wohnheims. Er selbst war als Junge hier im "Hostel" und profitierte von der Fürsorge und Begleitung.
In den Gesprächen mit der Kirchenleitung in Dhaka kommt zum Ausdruck, wie sehr die Partnerschaft geschätzt wird. Der Kirchenpräsident resümiert zum Ende der Sitzung: "Mit eurem Besuch in der Corona-Zeit habt ihr zum Ausdruck gebracht, wie wichtig euch unsere Partnerschaft ist. Wir danken euch sehr und bitten euch, daran festzuhalten." Spätestens jetzt ist mir klar, wie positiv unser Besuch bewertet wird und wie notwendig weiteres Personal ist.
Ich freue mich besonders am Ziel der neu gewählten Kirchenleitung: Sie will in den nächsten fünf Jahren finanziell unabhängig von Zuschüssen der LM sein. Darüber hinaus staune ich über den Segen von TEE, der Außerschulischen Theologischen Arbeit, in die unsere Missionare von Anfang an involviert waren und noch immer sind. TEE ist für viele Gemeinden die einzige Möglichkeit, qualifizierte theologische Mitarbeiter zu bekommen. Der Bedarf ist ungebrochen hoch. Aktuell zählt die Kirche 340 TEE-Studierende. TEE ist die Grundlage für weitere akademische Studienprogramme.
Das CCTB (College of Christian Theology Bangladesh) bietet akkreditierte Bachelor- und Masterstudiengänge an. Hier treffen wir das Leitungsgremium und das Lehrpersonal. Gegenwärtig begleitet die Hochschule etwa 200 TEE-Tutoren, die TEE-Gruppen mit rund 7000 Teilnehmern leiten. Der enorme Einfluss des Colleges im Land begeistert mich. Von der Leitung bekommen wir zu hören, dass weiterhin qualifiziertes Personal herzlich willkommen ist.
Ich könnte an dieser Stelle noch viele andere bewegende Dinge wie die Gastfreundschaft und das gute Essen aufzählen. Ich bin ich unheimlich dankbar, dass Daniel und ich gemeinsam unterwegs waren. Uns bewegt die Frage: Wer ist bereit, zu neuen Ufern nach Bangladesch aufzubrechen? Der Bedarf ist enorm groß.
Wusstest du, dass
… Bangladesch nur doppelt so groß wie Bayern ist, aber 163 Millionen Einwohner hat?
… das Land 2020 auf dem Weltverfolgungsindex Platz 38 einnimmt (in 2019 noch Platz 48)?
… 90 % Muslime, 0,5 % Christen, 1 % Buddhisten und 8 % Hindus dort leben?
… die BBCS (Bangladesh Baptist Church Sangha) die älteste und größte protestantische Kirche im Land ist und 1796 von William Carey gegründet wurde?
… dass sie 142 Pastoren hat, die in 388 Gemeindenrund 29.000 getaufte Mitglieder betreuen?
… die Kirche Gemeinden unter Muslimen gründet?